Deutscher Buchpreis international!

© Monique Wüstenhagen

Wirkt sich der Gewinn des Deutschen Buchpreises auf die internationale Wahrnehmung aus? Worauf achten Verlage im Ausland, wenn sie die Rechte an einem Titel kaufen? Was passiert beim Übersetzen? Wir haben uns die vergangenen Preisträger näher angeschaut, Robert Menasses Die Hauptstadt ausgenommen, da der Titel erst letzten Herbst erschienen ist und noch keine fertigen Übersetzungen vorliegen.

2013: Terézia Mora – Das Ungeheuer 

Arbeit und Schlaf, Arbeit, Arbeitsweg und Schlaf. So sah das erfolgreiche Leben von Darius Kopp aus. Bis sich seine Frau das Leben nahm. Seitdem lebt er apathisch dahin, tötet die Zeit mit stumpfem Fernsehen und Fertigpizzen. Er wollte doch das geheime Tagebuch seiner Frau lesen, und er muss auch noch ihre Urne beisetzen. Und so begibt sich Darius Kopp auf eine lange Reise – auf der Suche nach der Wahrheit über seine Frau. Über sich selbst. Und über diese dunkle und ungeheuere Welt.

 Klappentext Verlag (gekürzt)

Von Terézia Moras Roman Das Ungeheuer, der im September 2013 im Luchterhand Literaturverlag veröffentlicht wurde, wurden insgesamt sieben Lizenzen verkauft, darunter eine in Moras Heimatland Ungarn. Der ungarische Verlag Magvetö war auch flink in der Übersetzung: A szörnyeteg erschien genau ein Jahr nach der Originalausgabe, während die schwedische Version Monstret erst im September 2017 im Verlag Rámus veröffentlicht wurde. Bei der Übersetzung des Titels orientierten sich die Verlage an Luchterhand, allein in Frankreich weicht man mit De rage et de douleur, le monstre („Von Wut und Schmerz, das Monster“) ein wenig davon ab.

2014: Lutz Seiler – Kruso

Als das Unglück geschieht, flieht Edgar Bendler aus seinem Leben. Er wird Abwäscher auf Hiddensee. Dort lernt Ed Alexander Krusowitsch kennen – Kruso. Eine schwierige, zärtliche Freundschaft beginnt. Von Kruso, dem Meister und Inselpaten, wird Ed eingeweiht in die Rituale der Saisonarbeiter und die Gesetze ihrer Nächte, in denen Ed seine sexuelle Initiation erlebt. Doch der Herbst 89 erschüttert die Insel. Am Ende steht ein Kampf auf Leben und Tod – und ein Versprechen.

Klappentext Verlag (gekürzt)

Großen internationalen Anklang fand Lutz Seilers DDR-Roman Kruso, der im September 2014 bei Suhrkamp erschien. Scribe sicherte sich die weltweiten englischen Rechte und publizierte die Übersetzung im Februar 2017, während für die weltweiten spanischsprachigen Ausgaben der Verlag Anagrama verantwortlich ist, der einen Monat nach Scribe mit der Veröffentlichung nachzog. Auch in Sprachen wie Katalanisch, Russisch, Litauisch, Dänisch, Polnisch und Armenisch ist der Roman erschienen, insgesamt 22 Lizenzen wurden verkauft. Übrigens: In allen Übersetzungen ist der deutsche Titel Kruso, basierend auf dem Namen eines der Protagonisten des Romans, beibehalten worden.

2015: Frank Witzel – Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969

Die Welt des kindlichen Erzählers dieses mitreißenden Romans, der den Kosmos der alten BRD wiederauferstehen lässt, ist nicht minder real als die politischen Ereignisse, die jene Jahre in Atem halten und auf die sich der 13-Jährige seinen ganz eigenen Reim macht. Erinnerungen an das Nachkriegsdeutschland, Ahnungen vom Deutschen Herbst und Betrachtungen der aktuellen Gegenwart entrücken ihn dabei immer weiter seiner Umwelt. Das dichte Erzählgewebe ist eine explosive Mischung aus Geschichten und Geschichte, Welterklärung, Reflexion und Fantasie: ein detailbesessenes Kaleidoskop aus Stimmungen einer Welt, die ebenso wie die DDR 1989 Geschichte wurde.

Klappentext Verlag (gekürzt)

Mit diesem verschachtelten Roman, erschienen im Februar 2015 bei Matthes & Seitz, gewann Frank Witzel im Jahr 2015 den Deutschen Buchpreis. Trotz des anspruchsvollen Themas und des Umfangs (im Deutschen umfasst er 817 Seiten) hatten ausländische Verlage Interesse an diesem Stoff: In Frankreich erscheint am 18. April Comment un adolescent maniaco-dépressif inventa la Fraction Armée Rouge au cours de l’été 1969 bei Grasset, während die niederländische Variante Hoe een manisch-depressieve tiener in de zomer van 1969 de Rote Armee Fraktion bedacht bereits auf dem Markt ist. In wenigen Tagen wird mit En manio-depressiv teenagers opfindelse af Rote Armee Fraktion i sommeren 1969 zudem die dänische Übersetzung veröffentlicht.

Auch nach China wurde eine Auslandslizenz an den Verlag People‘s Literature verkauft. Lei Ren, Verantwortliche bei Matthes & Seitz für den chinesischen Markt, erzählt, dass in China großes Interesse an deutschen Büchern besteht – allerdings stärker an Sachbüchern, wie zum Beispiel Biographien über Bach, Beethoven und Thomas Mann oder Bücher über historische, philosophische oder naturkundliche Themen. Durch die gewachsene Mittelschicht in China sei das Interesse an Literatur und Sachbüchern größer geworden. „Die chinesischen Leser sind bereit, Geld für hochwertige geistige Nahrungen auszugeben, um sich privat weiterzubilden“, erklärt Lei Ren.

„People’s Literature ist in China ein wenig wie Suhrkamp hierzulande. Man kann davon ausgehen, dass der Roman wegen des Deutschen Buchpreises gekauft wurde“, so Ren. Aber auch der geschichtliche Aspekt hat das Interesse des Lektors geweckt. In China sei es durchaus üblich, sich an Auszeichnungen und Bestsellerlisten zu orientieren. „Die Lektoren gehen die Spiegel-Liste hoch und runter und schauen, was sie interessiert. Generell kann man sagen, dass Romane, die viele Preise gewonnen oder in viele Länder verkauft wurden, großes Interesse wecken. Das hat sicher damit zu tun, dass sehr wenige Lektoren Deutsch sprechen. Somit sind Preisauszeichnungen und erfolgreicher Lizenzverkauf in andere Länder hilfreiche Indikatoren und Orientierungshilfe bei der Titelauswahl.“

Wie zu erwarten, war es eine Herausforderung, Witzels Erfindung zu übersetzen. „Der Verlag hat ein wenig gelitten“, verrät Lei Ren schmunzelnd. „Es hat fast zwei Jahre gedauert, bis der Titel übertragen wurde, ein riesiger Aufwand für Übersetzer und Lektoren. Diesen Sommer wird er erscheinen, übrigens unter einem recht beschreibenden Titel. Rückübersetzt würde er Im Sommer 1969 hat ein an Depression leidender Jugendlicher die Rote Armee Fraktion gegründet bedeuten.“

2016: Bodo Kirchhoff – Widerfahrnis

 Reither, bis vor kurzem Kleinverleger in einer Großstadt, beginnt sein Widerfahrnis, die ihn und Leonie Palm nach Sizilien führt. Als dann nach drei Tagen im Auto am Mittelmeer das Glück über sie hereinbricht, schließt sich ihnen ein Mädchen an, das kein Wort redet… Kirchhoff erzählt in seiner großartigen Novelle von der Möglichkeit einer Liebe sowie die Parabel von einem doppelten Sturz: in die Liebe, ohne ausreichend lieben zu können, und in das Mitmenschliche, ohne ausreichend gut zu sein.

 Klappentext Verllag (gekürzt)

Da zwischen Erscheinen von Bodo Kirchhoffs preisgekrönter Novelle Widerfahrnis im September und der Verleihung des 12. Deutschen Buchpreises im Oktober nicht viel Zeit lag, könne man keine eindeutige Aussage über den Zusammenhang von den verkauften Auslandslizenzen und der Auszeichnung treffen, sagt Nadya Hartmann, zuständig für Lektorat und Lizenzen bei der Frankfurter Verlagsanstalt. „Wir haben allerdings für Widerfahrnis mehr Übersetzungsrechte verkauft als für die zwei vorangegangenen Romane Kirchhoffs, Die Liebe in groben Zügen und Verlangen und Melancholie, die allerdings auch wesentlich seitenstärker – sprich: teurer zu übersetzen – sind. Eine der ersten Auslandslizenzen für Widerfahrnis ging übrigens an den niederländischen Verlag Lebowski, der Deal wurde noch auf der Messe ausgehandelt. Das spricht dafür, dass der Preis zumindest einen Stein ins Rollen gebracht hat.“ Und das ist entscheidend: „Je länger die Liste der bereits verkauften Lizenzen, desto mehr ausländische Verlage werden hellhörig und zeigen sich bereit, den Titel für ihre Liste in Erwägung zu ziehen. Die Wahrscheinlichkeit, den Titel auch in weitere Länder zu verkaufen, potenziert sich damit.“

Bisher sind es neun Länder, die Widerfahrnis veröffentlicht haben oder veröffentlichen werden, darunter Frankreich, Italien, die Niederlande, Korea, die Türkei und Tschechien. „Ich bin sehr gespannt darauf, was für Titel sich die Verlage ausdenken“, bemerkt Nadya Hartmann. „Widerfahrnis ist als Wortschöpfung natürlich nicht ganz einfach zu übertragen.“